Novalis

Die blaue Blume

Schon viele haben gerätselt, wo sich die blaue Blume finden lässt. Ist es ein Vergissmeinnicht, eine Kornblume, eine Wegwarte, ein Heliotrop? In der Natur ist die Blume, die Novalis meinte, nicht zu entdecken. Hochgewachsen, lichtblau, mit breiten, glänzenden Blättern und schließlich mit einem zarten Mädchengesicht inmitten der Blütenblätter – so erscheint sie dem träumenden Heinrich von Ofterdingen zuerst im gleichnamigen Romanfragment. Obgleich sich in literarischen Werken schon zuvor blaue Blumen aufspüren lassen, erst bei Novalis und schließlich für die Romantik wird sie zum starken, aber auch offenen Symbol, zum Symbol der Sehnsucht, der Liebe, des Unendlichen, zum Symbol für die Verbindung von Natur, Mensch, Geist, letztlich zum Symbol für die Erkenntnis des Selbst. Das Streben nach der „blauen Blume“ muss letztlich unerfüllt bleiben, ist jedoch ein starker Antrieb.

Gewiss ist jedoch: blaue Blumen sind auch in der Natur etwas eher Seltenes. Weiße, gelbe oder rote sind viel häufiger zu finden. Wer einmal von Novalis’ Blume in der Farbe des grenzenlosen Himmels hörte, wird wohl bei jeder blauen an die fantastische von Novalis denken – so auch, wenn die Blumen, die aus den von Julia Rückert verteilten Samen erblühen.

Dr. Ines Janet Engelmann